Zum Vortrag über “ Kritik an Burschenschaften und Studentenverbindungen“

Veröffentlicht: Mai 22, 2012 in Allgemein

Im Rahmen der krili Campus Invasion fand unter anderem der Vortrag zur Kritik an Studentenverbindungen statt. Unter den Besucher_innen befanden sich auch Korporierte der Leipziger Universitätssängerschaft zu St. Pauli in Mainz. In der anschließenden Diskussion wurde den Referent_innen von selbigen vorgeworfen, sich nicht gründlich genug mit den Unterschieden zwischen Burschenschaften und anderen Formen von Studentenverbindungen, konkret mit Sängerschaften auseinandergesetzt und daher „alle in einen Topf geworfen“ zu haben. Obwohl sich der Vortrag, wie auch mehrfach angekündigt explizit um Burschenschaften und deren Dachverbände drehen sollte und der Vorwurf daher unangemessen war, haben wir die Anregung angenommen und uns mit dieser Sängerschaft, ihrem Dachverband und deren historischem Hintergrund beschäftigt um wie schon in dem Vortrag erwähnte Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kritik am studentischen Verbindungswesen zu verdeutlichen.

Die Leipziger Universitätssängerschaft zu St. Pauli in Mainz

Die Leipziger Universitätssängerschaft zu St. Pauli in Mainz besteht seit 1822 und gilt damit als älteste Sängerschaft Deutschlands. Sie bezieht sich positiv auf die Anfänge des studentischen Korporationswesens, also auch auf das Wartburgfest 1817, dass in nationalen und antisemitischen Bücherverbrennungen gipfelte. Es handelt sich hierbei um eine Farben tragende Verbindung. Da es sich hier auch um eine musische, genauer singende Verbindung handelt, hat die Sängerschaft einen eigenen Chor, der seit 1967 gemischt auftritt und jährlich zwei Konzerte gibt, eines davon zum jährlichen Stiftungsfest.

Die Deutsche Sängerschaft

Die Sängerschaft ist auch Mitglied in der Deutschen Sängerschaft (DS), auch Weimarer CC genannt. Es besteht ein Freundschaftsabkommen mit dem Coburger Convent (CC), einem pflichtschlagenden Dachverband der Turner- und Landsmannschaften. Obwohl sich die Deutsche Sängerschaft als unpolitisch gibt veranstaltet sie jährlich den Studententag in Kooperation mit dem CC, der als politisches und kulturelles Bildungsprogramm verstanden wird. Zudem ist die DS Mitglied im Convent Deutscher Akademikerverbände(CDA), dem auch die Deutsche Burschenschaft(DB) angehört. Dabei ist gerade diese Zusammenarbeit mit dem Coburger Convent und der Deutschen Burschenschaft zutiefst problematisch, da gerade diese Verbände durch offen Rechte und menschenverachtende Positionen auffallen. So dienen der CC und auch die Deutsche Burschenschaft seit Jahren als Scharnier zwischen Konsvervatismus, Neuer Rechten und der Extremen Rechte.

Verbindende Elemente

Der Unterschied zu den Burschenschaften liegt hier also lediglich in der Schwerpunktsetzung des Singens. Die inneren Strukturen der Verbindung jedoch sind nahezu identisch mit denen der Burschenschaften. Es wird nach dem Convent-Prinzip entschieden und es werden Chargierte, also Amtsträger gewählt, es gibt Füchse, die eine Probezeit zu absolvieren haben, es kann bis zur Mensur gefochten werden, es werden Farben getragen und es handelt sich um einen reinen Männerbund.

Da wir dem Wunsche nachgegangen sind, uns genauer mit den Hintergründen der Leipziger Universitätssängerschaft zu St. Pauli in Mainz zu beschäftigen, möchten wir nun nochmals schriftlich Stellung zu einigen Argumenten der anwesenden Mitglieder der Sängerschaft beziehen.

Wir wurden gefragt, was denn an Seilschaften schlimm sei, da dies doch lediglich eine gegenseitige Unterstützung darstelle. Hierzu lässt sich ganz klar sagen, dass das Prinzip der Seilschaften untrennbar mit der elitären Abschottung und dem Ausschluss anderer Menschen qua Geburt einhergeht, die nicht in das elitäre Idealbild der Verbindung passen und damit absolut ungerecht und diskriminierend wirkt. Unterstützung und Solidarität sind sehr wichtig, jedoch darf dabei nicht selektiert werden, wer diese verdient und wer nicht.

Ein weiterer Einwand von Seiten der Sängerschaft war, dass die Verbindungen ein Gemeinschaftsgefühl und einen Halt in der anonymen Masse der Studierenden gibt, was als Hilfestellung der Erstsemester als durchaus positiv zu bewerten sei.

Auch hierzu können wir nur erwidern, dass es nicht positiv zu bewerten sein kann, Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, der nicht alle gleichermaßen angehören können. Automatisch werden zum Beispiel Frauen und Nicht-Studenten ausgeschlossen. Jede Form von rein männerbündischer Tradition impliziert automatisch einen Antifeminismus, was auch hier der Fall ist.

Auf diese Stellungnahme wurde das Gegenargument eingebracht, es würde auch in Sportvereinen nach Geschlechtern getrennt und sei daher ganz normal, rein männerbündische Vereinigungen zu betreiben.

Dieses Argument steht jedoch in keinerlei Verhältnis zu den Korporationen, da es sich bei selbigen um einen Lebensbund, der das gesamte universitäre, wie auch Privatleben der Burschen umfasst, handelt und nicht wie bei einem Sportverein nur einen kleinen Teil der Freizeitgestaltung. Zudem ist es Frauen nicht generell untersagt in männlichen Sportvereinen Mitglied zu werden. Wir möchten aber zudem klar machen, dass es diese sexistische Praxis im Sport durchaus auch zu kritisieren und problematisieren gilt, hier jedoch fehl am Platze ist, da von Lebensbünden gesprochen wird.

Der Vertreter der Sängerschaft hat versucht klar zu machen, dass die Chordamen, die als dritte Säule, neben den Aktivitas und Alten Herren verstanden werden, durchaus wichtig sind und Mitspracherecht besitzen. Dass diese Frauen in gewissen, den Chor betreffenden Angelegenheiten eine Stimme haben, soll hier nicht bezweifelt werden. Wir sehen jedoch trotzdem den entscheidenden Unterschied zwischen Burschen, die Vollmitglieder sind, in dem Verbindungshaus leben, alle Rechte innehaben und zudem auch die Möglichkeit haben Ämter zu übernehmen und auf der anderen Seite die Frauen, welche in einem kleinen Teilbereich des Verbindungslebens geduldet werden. Hier kann also keineswegs von Gleichheit und emanzipatorischem Umgang gesprochen werden. Der Antifeminismus, der in allen Studentenverbindungen zu finden ist, tritt also auch hier deutlich hervor.

Dem Argument, die Chordamen fühlten sich nicht diskriminiert und wollten keine Vollmitgliedschaft, kann nur entgegengehalten werden, dass es hier nicht um Einzelpersonen geht, sondern um eine Struktur, die von ihren Wurzeln an antifeministisch, diskriminierend und hierarchisch organisiert ist. Zudem ist es ein Trugschluss, wenn behauptet wird, Frauen könnten nicht antifeministisch sein, da jeder Mensch, dessen Denken auf diesen traditionellen, antiquierten Idealen der Urburschenschaft und der frühen Studentenbewegung basiert, diese auch unterstützt und propagiert; unabhängig vom Geschlecht.

Zum konkreten Thema der Burschenschaften und ihrer Beziehungen zu rechten Organisationen und Strukturen hieß es, wir hätten übertrieben und es gäbe sehr wenige Burschenschaften, denen dieser Vorwurf gemacht werden könne. Zu diesem Statement lässt sich nur sagen, dass dies eine gefährliche Verharmlosung der rechtsradikalen Burschenschaftlichen Gemeinschaft und ihrem ebenfalls rechten Dachverband der Deutschen Burschenschaft ist. Wir haben in unserem Vortrag eine Vielzahl an Beispielen angeführt, die klar belegen welche politische Haltung von der DB und insbesondere auch ihrer Mehrheitsverbände vertreten wird.

Diese Verharmlosung seitens der DS ist jedoch nachvollziehbar, wenn man sich die freundschaftliche Verbindung der DS und der DB ansieht.

Die Leipziger Universitätssängerschaft zu St. Pauli in Mainz hat sich durch ihre Aussagen zwar klar von Neonazis distanziert, jedoch zeigt ein Blick auf die Homepage, dass dies wohl nur halbherzig stattfindet. Durch den Dachverband DS und dessen Beziehungen zur DB und zum CC wird offensichtlich, dass Verbindungen zur rechten Verbindungsszene durchaus bestehen. Außerdem reicht es, unserer Meinung nach vollkommen aus, sich in die antiquierten Traditionen der urburschenschaftlichen Bewegung einzureihen, um als reaktionär, antifeministisch, national und elitär zu gelten. Wir sprechen ihnen daher ihren vermeintlichen Liberalismus und emanzipatorischen Gehalt ab und fordern nach wie vor:

Verbindungen auflösen!

 

 

 

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